Lars Wernecke

Hüter der Zeit

Hüter der Zeit
Schauspiel von Dan Clancy
Schlosstheater Celle, 2011

Inszenierung: Lars Wernecke
Ausstattung: Birgit Bott
1793: Jürgen Kaczmarek
9355: Karsten Zinser
Kapo: Andreas Stadler


Fotos: Jochen Quast












Auszug aus der Kritik der Celleschen Zeitung vom 24.10.2011

[…] Dan Clancys Stück „Hüter der Zeit“ im Schlosstheater überzeugt mit viel Fingerspitzengefühl. Eine Schickalsgemeinschaft im KZ Sachsenhausen: Davon handelt Dan Clancys Stück „Hüter der Zeit“. Es kam nun als Produktion des Schlosstheaters in der Kleinen Residenzhalle zur Premiere.

Hier und da wird gelacht in den Zuschauerreihen, es gibt Szenenapplaus: Darf das sein bei einem Stück, das im Konzentrationslager spielt? Es darf und es soll: „Hüter der Zeit“ von Dan Clancy bietet dafür nun einmal manche Steilvorlagen, und Regisseur Lars Wernecke hat sie mit seinen Darstellern verwandelt. Was noch lange nicht heißt, dass die tragischen Aspekte der Geschichte dadurch verharmlost würden – ganz im Gegenteil können sie sogar desto deutlicher zur Geltung kommen.

Der jüdische Häftling Benjamin, als Uhrmachermeister bei der Arbeit an den unzähligen geraubten Chronometern eingesetzt, bekommt den Leidensgenossen Hans zugeteilt. Zu seinem Missfallen: Er verabscheut den homosexuellen Neuankömmling, der von Uhren nicht den geringsten Schimmer hat - seine angeblichen Kenntnisse sind eine Notlüge, um den Alternativen in Form von hartem Arbeitseinsatz oder medizinischen Experimenten zu entgehen. Zunächst zeigt sich Benjamin unnahbar, doch wünscht er sich nichts sehnlicher als Informationen über das Schicksal seiner Familie zu bekommen, und eben die kann ihm Hans über seinen Bettgenossen aus der Wachmannschaft womöglich beschaffen. Dafür weiht er ihn in die Grundlagen der Uhrenkunde ein – ein Deal also, aus dem jedoch nach und nach Sympathien erwachsen, zumal sich herausstellt, dass diese so unterschiedlichen Männer beide für die Oper schwärmen und alsbald die eine oder andere Arie zu schmettern beginnen.

Die Ausstattung von Birgit Bott konzentriert sich aufs Wesentliche. Das Bühnenpodest ist dreieckig und somit der Form des Häftlingslagers im KZ Sachsenhausen nachempfunden, die gestreifte Häftlingskleidung wurde aus dem Fundus des Films „Schindlers Liste“ ausgeliehen. Die klaustrophobische Enge wird durch eine Tür zum Hof vor der Residenzhalle aufgebrochen, der einzigen Auftritts- und Abgangsmöglichkeit. Im Hintergrund erkennt man zuweilen ein großes Uhrwerk mit dem zynischen Nazi-Motto „Arbeit macht frei“. […] Sehr atmosphärisch die perkussive Musik des Komponisten Edgar Guggeis zwischen den Szenen, eine großartige Wahl.

Regisseur Lars Wernecke hat erfreulicherweise auf alle unnötigen Extravaganzen verzichtet. Die Inszenierung ist im besten Sinne unraffiniert, zeichnet klar die Charaktere und ihre Geschichte nach, ohne mit irgendwelchen Effekten glänzen zu wollen. Auch die Darsteller wissen um die Kunst der Beschränkung. Andreas Stadler spielt diszipliniert den fiesen Kapo, genau genommen eine Rolle, die wenig Gestaltungsmöglichkeiten lässt. Jürgen Kaczmarek überzeugt als Benjamin besonders in den leisen Passagen und ist einmal mehr physisch sehr präsent. Während Karsten Zinser als Hans zwar zu Beginn für ein paar Momente an der Grenze zum Klischee entlangschrammt, um dies dann aber um so eindringlicher vergessen zu machen: Mit viel Fingerspitzengefühl mischt er die humorvollen Töne ins grausige Spiel, das übrigens kein Happy-End hat.

Als sich das herausstellt, sind rund 100 pausenlose Minuten vergangen, ohne dass im Publikum große Ermüdungserscheinungen zu beobachten wären. Auch der Schlussapplaus ist frei davon, zu Recht.

Auszug aus der Kritik von W. H. Schuster vom 22.10.2011


Da hat der Regisseur Lars Wernecke ein starkes Stück gefunden und dies verdammt klug und genau inszeniert. Da stockt dem Publikum an mancher Stelle der Atem und es gibt Momente, wo es sich traut befreiend zu lachen. Wernecke versteht die Balance zu halten, zwischen ,,Oh, KZ - Betroffenheit" und Menschen auf der Bühne, die ohne pathetisch zu agieren, in ihrem ohnmächtigem Ausgeliefertsein Humor und menschliche Größe beweisen.

Der Plot ist gängig und nicht neu: Zwei sehr unterschiedliche Menschen sind in einer extremen Situation und gegenseitiger Abneigung gezwungen, um des Überlebens willen, einander zu verständigen. Aber wie der jüdische Uhrmacher Benjamin (Jürgen Kaczmarek) und der homosexuelle Hans (Karsten Zinser) das über fast zwei Stunden versuchen, ist hinreißend. Der schwule Hans gibt sich als Uhrenkenner aus, hat aber keine Ahnung, er dient sich sonst den Kapos des Lagers für ein Marmeladenbrot an, hofft aber so, sicherer zu überleben. Zinser spielt das ohne große Gesten, fast heiter - ein trauriger Narr und doch mit großer Stärke und Kraft. Er witzelt, schmeichelt und schwuchtelt, um den großen Juden zu beeindrucken, der zunächst fest bleibt. Kaczmarek gibt den Ben erst zweifelnd, nach innen gekehrt und doch würdig, holt aus seiner Religion Stärke und verachtet alles andere als sein Interesse an seiner Familie. In stiller Melancholie beobachtend, bröckelt seine Fassade - natürlich um die Chance, Informationen über seine verschollene Familie zu bekommen und dann doch Gott vermissend, öffnet er sich gütig.

Wenn die beiden über ihre kenntnisreiche Liebe zur Oper zueinander finden, ist das ein wunderbares Bild, das über alles siegt. Fast glaubt man, das gezackte metallene Dreieck verwandelt sich über die feine Lichtstimmung in ein startendes Ufo, (Bühne Birgit Bott, die überlegt auf Instrumentarien der Einschüchterung verzichtet und phantastisch auf Symbole setzt) das abhebt und Ben im Arm mit Hans schweben mit Meister Verdi singend davon. Vielleicht hätte man einmal neben den kargen, prägnanten Tönen, die die Zeit im Räderwerk beschreiben, das große Orchester, die große Oper, das allumfassende Menschenwerk bedienen können und neben den beachtlichen musikalischen Fähigkeiten der Darsteller die Euphorie einer Arie in alle verfügbare Lautsprecher übertreiben können.

Das gefährliche, das von draußen kommt, dieses durch eine krachende, schließende Tür im gelbem Licht die Annäherung der beiden Häftlinge zerhackt, spielt (Andreas Stadler) der Kapo, ein Krimineller, ein Zerrissener, ein scheinbar privilegierter zwischen Brutalität und lächelnder Unsicherheit, explosiv und fordernd, er vermittelt gekonnt die Unmenschlichkeit und Konsequenz eines Konzentrationslagers mit all seinen Schrecken.

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