Lars Wernecke

Endstation Sehnsucht

Endstation Sehnsucht
Schauspiel von Tennessee Williams
Schlosstheater Celle, 2011

Inszenierung: Lars Wernecke
Ausstattung: Dirk Immich
Blanche: Edith Konrath

Stella: Gabriela Lindlova
Stanley: Thomas Schreyer
Mitch: Tobias Sorge
Eunice: Petra Friedrich
Steve: Farès-Brahim Bouattoura
Pablo: Dennis Junge
Ein Arzt: Benjamin Westhoff
Eine Krankenschwester: Lydia Brestel
Ein junger Kassierer: Tony Marossek


Fotos: Jochen Quast








Auszug aus der Kritik der Celleschen Zeitung vom 23.05.2011

Kowalski auf dem Catwalk
Wernecke-Premiere von "Endstation Sehnsucht" begeistert Celler Publikum

Das Drama um die Schwestern DuBois und den ungehobelten Arbeiter Stanley Kowalski war von der Bühne länger vergessen worden. Sehr zu Unrecht, wie sich jetzt in der letzten Premiere dieser Spielzeit am Celler Schlosstheater zeigt: Endstation Sehnsucht.

Als die abgetakelte Lehrerin Blanche mit ihrem großen Koffer bei ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley Kowalski in New Orleans auftaucht, wird eines sehr schnell klar: dieser mit übergroßer Herzlichkeit begonnene Besuch kann nicht gut gehen. Blanche lebt deutlich in zwei Welten - in der realen, die ihr viel Leid zugefügt hat, und in einer Fantasiewelt, die sie mit Lügen und Selbstbetrug mühsam aufrecht zu erhalten sucht. Schutz und Zuwendung, Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Hoffnungen wird sie in der kleinen, abgekapselten Stadtwohnung nicht finden, denn in nur vordergründigem Glück lebt auch Stella ohne rechte Perspektiven. Endstation aller Sehnsüchte hier wie dort. Die Tragödie ist vorgezeichnet.

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit der letzten Premiere in dieser Spielzeit hätte das Schlosstheater in der Residenzhalle kaum einen besseren Saisonausklang finden können. Tennessee Williams Drama "Endstation Sehnsucht" kam beim Publikum bestens an und wurde mit langem Beifall und zahlreichen Bravorufen belohnt. Mit geschickten Kürzungen und sensiblen Anpassungen an die moderne Zeit gelingt Regisseur Lars Wernecke eine faszinierende Inszenierung voller dramatischer Höhepunkte, die es in sich hat. Dazu hat ihm der Bühnenbildner Dirk Immich einen Catwalk fast über die ganze Länge der Residenzhalle gebaut, deren Enden ohne optische Aufdringlichkeit auf den Ort des Geschehens weisen. Holzpfähle, Matratzen, kleine Tischchen und Bierkästen deuten zusammen mit einer Zugbrücke als Verbindung zur Außenwelt die kleine, türlose Wohnung der Kowalskis an. Sie ermöglichen genügend Übersicht für den Zuschauer, erzielen dennoch lebendige Wirkung und geben sozusagen die Stichworte für die Fantasie des Auges. Lars Wernecke weiß diese Möglichkeiten blendend zu nutzen. Oftmals lange Wege führen nicht zu unnützen Pausen, sondern erhöhen die Intensität der Handlung; und der plötzliche Wechsel zwischen wütendem, gewalttätigem Gefühlsausbruch und scheinbar innerer Ruhe erschüttert den dicht daneben sitzenden Zuschauer. Die Situation zwingt ihn zur Anteilnahme und hält sein Interesse wach. Entstanden ist ein mitreißendes Seelendrama mit dramatischer Kraft und menschlicher Geltung.

In ihrer Rolle als Blanche gelingt Edith Konrath der schwierige Spagat zwischen Realität und gewollter Aufrechterhaltung des Scheins mit überzeugender Bravour und mit unzähligen seelischen Facetten - züchtig, frivol, beschämt, einsam, krank. Eine tadellose Leistung, die jegliche Anerkennung verdient. Ebenso stark ist auch Gabriela Lindlova als Stella, die in ihrer eher sanften Art "zwischen den Fronten" so gar nicht in ihr vulgäres Umfeld passen will. Das wird geprägt durch Stanley und seine Freunde. Thomas Schreyer gibt ihn herzlos und kalt gegenüber Blanche, leidenschaftlich, brutal und unberechenbar. Ein Mann zum Fürchten und zum Lieben zugleich.

Eher weichherzig-unbeholfen ist dagegen der mit seiner Mutter zusammenlebende Mitch von Tobias Sorge. Ihm nimmt man seine grundsolide Ehrlichkeit gerne ab. Glanzlichter in einem Ensemble, das bis in die kleinste Rolle ohne schwachen Punkt agiert. Ein starkes Stück und ungemein glutvolles Theater. Absolut sehenswert.