Lars Wernecke

Der Kongress tanzt

Der Kongress tanzt
Operette nach dem Film von Erik Charell
Bühnenfassung von Michael Quast und Rainer Dachselt
Musik von Werner Richard Heymann
Schlosstheater Celle, 2011

Inszenierung: Lars Wernecke
Musikalische Leitung: Ulrich Jokiel
Choreografie: Petra Beutel
Bühne: Wesko Rohde
Kostüme: Andrea Göttert

Christel: Gabriela Lindlova
Zar Alexander; Uralsky: Tobias Sorge
Metternich: Thomas Wenzel
Pepi: Dennis Junge
Bibikoff; Fürstin u.a.: Andreas Stadler
Komtesse u.a.: Christina Rohde
Heurigensänger; Wellington u.a.: Jürgen Kaczmarek
Gräfin; Hardenberg u.a.: Hartmut Fischer
Talleyrand; Bürgermeister u.a.: Farès-Brahim Bouattoura
Einsiedel; Finanzminister u.a.: Julia-Desirée Malkowski
Musiker: Ulrich Jokiel, Peter Missler, Zsofia Brockhaus


Fotos: Jochen Quast









Auszug aus der Kritik vom Blickpunkt Musical 01/12

Ein augenzwinkernder Nostalgiespaß ohne Kitsch und Schnörkel - Der Kongress tanzt im Schlosstheater Celle

Vorbei am „König von Schweden“ über die Schwedenbrücke kommt man zur Cambridge-Dragoner-Kaserne von 1841, auf deren Gelände in der Residenzhalle das Schlosstheater Celle während der Umbauphase in der zweiten Spielzeit residiert. Es ist eine moderne Allzweckhalle. Kleine Kronleuchter glitzern zwischen Stangen und Scheinwerfern. Gestern und heute. Es passiert nicht viel auf dem europäischen Gipfel in Wien (1819), denn „der Kongress tanzt“ - und nur einer zieht die Strippen - Metternich. Gegenwartsbezüge sind von den Autoren der Bühnenfassung nach dem Ufa-Film von 1931durchaus beabsichtigt. In einem neutralen weißen Halbrund mit bogenförmigen Durchgängen, Türen und klappbaren Wandteilen wird die Romanze des russischen Zaren mit einer Verkäuferin als Kammermusical im Stil einer Revue erzählt. Zehn Darsteller spielen alle Rollen, so ist beispielsweise Hartmut Fischer am Anfang eine vollbusige, romantische Gräfin, dann der preußische General und schließlich zusammen mit Julia Malkowski ein an Stan & Laurel erinnernder verschlafender russischer Domestik, der mangels eines Instruments mit Zunge und Lippe Balalaika-Klänge erzeugt.

Das Stück und die Figuren werden nicht veralbert, wie in so mancher hochgelobten Produktion in Berlin, sondern mit liebevoller, ironisch-gebrochener Sorgfalt auf die Bühne gebracht (Regie: Lars Wernecke). Der russische Zar (Tobias Sorge) hat einen Doppelgänger (Tobias Sorge), der sich schnell einen Schnurrbart anklebt und dann mehr schlecht als recht (fast) alles vermasselt. Sein Adjutant Bibikoff (Andreas Stadler) mit extrem dickem Bauch, doch leicht wie eine Feder schiebt ihn tanzend hin und her, nachdem er selbst anfangs eine Fürstin a la Zarah Leander gab. Metternich (Thomas Wenzel) belauscht in seinem Multifunktionsbett mit den Hörrohren seiner Abhöranlage gekrönte Häupter und durchleuchtet ihre Post mit einem Briefdurchleuchtungsapparat aus Lupe und Wahrsagekugel. Pepi (Dennis Junge), sein Sekretär, vermengt liebesverzweifelt Staatsgeschäft und Privates, als seine Verlobte, die Verkäuferin Christel (Gabriela Lindlova) zur Belebung des Geschäfts einen Blumenstrauß mit ihrer Visitenkarte in die offene Kutsche (ein geschmückter Bollerwagen) und dem Zaren versehentlich an den Kopf wirft.

Kleines wie dieser Strauß, bringt die Geschichte ins Rollen. Man hält den Überfall für ein Bombenattentat. Christel wird verhaftet. Pepi nutzt seine Position und bittet den Zaren um Hilfe. Der löst Christel aus und verliebt sich…, bis Napoleon aus seinem Exil wieder in Frankreich einmarschiert und der Sinn des Kongresses ebenso zerplatzt wie Christels Traum.

1931 bezauberte dieser erste deutsche Musikfilm auch auf Englisch und Französisch. ... Lilian Harvey war damals Christel. Ebenso grazil, eckig-zerbrechlich ist in Celle Gabriela Lindlova, dabei kokett mit naivem Augenaufschlag, mutwillig schmollend. Sie hat eine Spielweise (oder ist es ihr ureigenstes Naturell?), die so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint, und gerade deshalb als „das süße Mädel“ bezaubert. Mit Wahnsinnsflackern in tränenumflorten Augen bleibt sie am Ende zurück, dann ein Lachen, ein Achselzucken: „Das gibt's nur einmal, das kehrt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein ...“, und alles tanzt individuell nach Charakteren choreographiert im bittersüßen Finale. Eine Geige, eine Querflöte, Saxophon und am Klavier der musikalische Leiter Ulrich Jokiel, das ersetzt ein ganzes Orchester - eben: ein augenzwinkernder Nostalgiespaß.

 

Auszug aus der Kritik der Celleschen Zeitung vom 14.12.2011

Premiere mit Charme und Witz

Als Film wurde die musikalische Komödie „Der Kongress tanzt“ mit der Musik von Werner Richard Heymann schon 1931 ein Riesenerfolg. Im Vergleich dazu scheint jede Bühnenfassung auch heute noch ein Wagnis. Das Celler Schlosstheater bewies Mut, nahm die künstlerische Herausforderung an und kann einen achtbaren musikalischen und darstellerischen Erfolg verbuchen.

So ist das manchmal im Leben. Da gelingt es Pepi, dem Privatsekretär des Fürsten Metternich, seine Verlobte mit Hilfe des Zaren wieder aus dem Gefängnis zu holen, und gleichzeitig handelt er sich einen einflussreichen Nebenbuhler ein. Zar Alexander nämlich verliebt sich Hals über Kopf in Christel, die flotte Handschuhmacherin. Das erzürnt natürlich den Pepi. Metternich dagegen macht die Lage glücklich, denn solange Russlands Herrscher mit Liebschaften beschäftigt ist, stört er den internationalen Kongress zur Neuordnung Europas nicht. Aber dann ruft die Pflicht. Napoleon ist von Elba geflohen. Der Zar muss Wien verlassen. Arme Christel. Für sie bleibt nur die Erinnerung an eine schöne, aber aufregende Zeit und rückblickend die musikalische Erkenntnis: „Das gibts nur einmal, das kommt nicht wieder.“

Regisseur Lars Wernicke sorgt mit seiner Inszenierung für Tempo und Abwechslung, bisweilen für ironisierende Übertreibung und durch geschickte Zuspitzungen immer auch für kurzweilige Unterhaltung. Dabei scheut er bei bühnentechnischen Klippen auch nicht vor eigenwilligen Ideen zurück, wenn es etwa darum geht, die fesche Christel im Wagen zum Tête-à-tête mit dem verliebten Zaren zu transportieren. Das hat Charme und Witz... Wesko Rohde hat dazu ein halbrundes Bühnenbild gebaut, dass mit vielen Türen und Portalen nicht nur den Musikern mit Geige (Zsofia Brockhaus), Saxophon und Querflöte (Peter Missler) sowie Ulrich Jokiel am Klavier Raum gewährt, sondern auch schnelle Szenenwechsel und viele verschiedene Spiel- und Auftrittsmöglichkeiten bietet.

Vierzig Rollen und zehn Darsteller – das bedeutet für jeden von ihnen besondere Konzentration und für Kostümbildnerin Andrea Göttert die schöne Möglichkeit zu zeigen, was der Fundus an Kleidungsstücken und Perücken so alles hergibt.

Im Bestreben, dem Zaren durch jugendliche Anmut zu gefallen, verleiht Gabriela Lindlova ihrer Christel eine gewisse Reichlichkeit der Gestik..., während Tobias Sorge als Zar und dessen trotteliger Doppelgänger Uralsky durch kluge Balance zwischen staatsmännischem Auftreten und fein zurückgenommenem Witz auffällt. Als Pepi hat Dennis Junge starke Momente mit eilfertigem Pflichtbewusstsein gegenüber Metternich (charmant und klug auch aus dem Bett die Fäden spinnend Thomas Wenzel) und seinem aussichtslosen Liebeskummer. Dem Herzog von Wellington verleiht Jürgen Kaczmarek glaubhaft britische Zurückhaltung. Als Gitarre spielender Heurigensänger jedoch ist er hinreißend. Da capo. Hartmut Fischer erfreut als Fürst von Hardenberg, Farès-Brahim Bouattoura als Talleyrand, Julia Malkowski als Finanzminister und als Bibikoff Andreas Stadler. Eine überzeugende Comtesse ist Christina Rohde. Ein insgesamt heiterer und unterhaltsamer Abend mit viel Beifall am Schluss.