Lars Wernecke

Das kunstseidene Mädchen

Das kunstseidene Mädchen
Schauspiel von Irmgard Keun
Bühnenfassung von Gottfried Greiffenhagen

Schlosstheater Celle, 2008

Inszenierung: Lars Wernecke
Ausstattung: Birgit Bott

Doris: Dagmar Hurtak-Beckmann


Fotos: Jochen Quast




Auszug aus der Celleschen Zeitung vom 1.6.2008

... Die Premiere von Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen” im Malersaal war in vielerlei Hinsicht eine hochinteressante Angelegenheit ...

1931, eine „mittlere Stadt” in Deutschland: Die 18jährige Doris will um jeden Preis „ein Glanz” werden. Tatsächlich beginnt es ein wenig zu schimmern, als die junge Frau Statistin im Theater wird. Doch dann stiehlt sie einen Pelzmantel, flieht nach Berlin. Taumelt dort alsbald von Mann zu Mann, ständig an der Grenze zum totalen Absturz. Es hat sich ausgeglänzt. Wir erfahren von alledem in der Rückschau. Eine ältere Doris lässt die Vergangenheit Revue passieren, während sie in ihrem Tagebuch blättert. Ort dieser Reflexionen ist im Malersaal der perspektivisch seltsam verzerrte Waggon eines Güterzuges – ob er irgendwo hinfahren wird oder mitsamt seinem menschlichen Inhalt endgültig auf dem Abstellgleis gelandet ist, bleibt offen.

Ausstatterin Birgit Bott hat der Doris außerdem ein fesches Kostüm und einige Schminke verpasst; allerdings kommt das adrette Äußere etwas ramponiert daher, beispielsweise mit Laufmasche im Strumpf. Ist der leicht verschmierte Lippenstift absichtlich entstanden? Oder zufällig, als sich Darstellerin Dagmar Hurtak-Beckmann in der ersten Szene unter einer Decke hervorwühlt? Jedenfalls passt dieses Detail sehr gut ins Bild. Denn von einer heilen Welt kann hier keine Rede sein, und Regisseur Lars Wernecke hat auf alle putzigen Effekte verzichtet. Wie sie Gottfried Greiffenhagen, Autor der Bühnenfassung von Keuns Roman, durchaus noch vorgesehen hatte: Bei ihm ist alles viel verspielter, mit zahlreichen Requisiten und direkten Ansprachen ans Publikum. Im Malersaal hat Doris nichts weiter als Tagebuch nebst Decke und spricht fast durchweg, als wäre sie allein.

Ein mutiger Inszenierungsansatz. ... Vereitelt wird so, dankens- und lobenswerterweise, jegliches Abdriften in Richtung gefällige Revue; der Stoff bleibt stets angemessen tiefgründig, wiewohl es ihm an tragikomischen Momenten nicht mangelt. Dagmar Hurtak-Beckmann macht das auch ganz toll, erliegt nie der Versuchung, die Rampensau heraushängen zu lassen. Ihr Vortrag wird vor allem der delikaten Sprache mit den vielen wunderbar schiefen Bildern gerecht: Absolut selbstverständlich erzählt sie etwa von den Kurfürstendamm-Frauen „mit hochmütigen Beinen und viel Hauch um sich”, weiß gerade durch ihr Understatement die Feinheiten solcher Formulierungen herauszuarbeiten. ...

Dieser Abend lebt weit eher von einer Zustandsbeschreibung als von theatralen Handlungen und wirkt ein wenig so, als bekäme man mehr als anderthalb Stunden lang ein Gemälde gezeigt, ... fraglos ein kostbares ...