Lars Wernecke

Cabaret

Cabaret

Musical von John Kander / Fred Ebb / Joe Masteroff
Südthüringisches Staatstheater Meiningen 2011

Musikalische Leitung: Elisa Gogou
Regie: Lars Wernecke
Bühnenbild: Helge Ullmann
Kostüme: Annette Mey
Dramaturgie: Dr. Dirk Olaf Hanke
Confèrencier: Benjamin Krüger
Rosie/ Frl. Kost: Jannike Schubert
Lulu: Sandra Germann
Texas: Lilian Wilhelm
Helga: Kristin Baumgartl
Frenchie/ Zollbeamter/ Nazi/ Victor/ Taxifahrer/ Gorillamädchen: William Danne
Clifford Bradshaw: Florian Beyer
Ernst Ludwig: Harald Schröpfer
Sally Bowles: Maria Rosendorfsky
Fräulein Schneider: Rosemarie Blumenstein
Herr Schultz: Matthias Herold






Berichte zur Auszeichnung der Inszenierung
[Kritiken zur Inszenierung im Anschluss an die Szenenfotos weiter unten]:

Auszug aus dem  Meininger Tageblatt vom 28.12.2011

Gefeiertes "Cabaret"-Ensemble - Den Preis "Inszenierung des Jahres" bekam Regisseur Lars Wernecke für seine "Cabaret"-Produktion vom Förderverein Meininger Theaterfreunde am vergangenen Freitag überreicht.

Unmittelbar vorm Heiligabend war der mit 2500 Euro dotierte Preis des Fördervereins Meininger Theaterfreunde auch eine Art Weihnachtsgeschenk an den Regisseur Lars Wernecke. Finanziert wurde der Preis wie immer von der Rhön-Rennsteig-Sparkasse. Michael Kraus, Leiter für Unternehmenskommunikation, der das Preisgeld überreichte, hatte sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen. Nicht den üblichen symbolischen Scheck, sondern einen Zylinder, passend zum "Cabaret"-Zeitkolorit, schenkte er dem Regisseur.

Thomas Michel, der Vorsitzende des Theaterfördervereins, dankte für die finanzielle Unterstützung, insbesondere für das "Vorbild, das die Sparkasse hier abgibt". Damit habe das Geldinstitut erneut sein "großes und unverzichtbares kulturelles Engagement" bewiesen. In seiner Laudatio stellte der Vereinsvorsitzende heraus, dass die Wahl für den Preis allein durch die 650 Mitglieder getroffen werde, die "Inszenierung des Jahres" also ein Publikumspreis sei. Die Begründung zur Wahl fasste der Vorsitzende in einer Laudatio zusammen.

Die "Cabaret"-Inszenierung besteche "durch eine meisterhaft Verbindung von Schauspiel, Gesang und Tanz", lobte Michel. Beeindruckend sei, wie sich "aus einer Mischung von schrägen und freizügigen Szenen im Kit-Kat-Club und sentimental-gefühlsbetonten Liebesszenen plötzlich der Einbruch der politischen Unkultur entwickelt." Dazu bedürfe es eines Regisseurs, der "einerseits ein leichtes Händchen für die lockeren Szenen hat, andererseits den politischen Hintergrund nicht beiseite schiebt, sondern ihn so bedrohlich zeigt, wie er ist. Diese Gratwanderung ist hervorragend gelungen".

Das Publikum im ausverkauften Großen Haus, das zuvor die erste Vorstellung nach der Umsetzung der Inszenierung vom Volkshaus ins wiedereröffnete Meininger Theater erlebt hatte, konnte dieses positive Urteil wohl bestätigen.

Schauspieldirektor Dirk Hanke freute sich, dass Regisseur Lars Wernecke für zwei weitere Produktionen an das Meininger Theater verpflichtet werden konnte. Schon am 28. Januar hat in den Kammerspielen sein eigenes Stück "Sweet Sweet Smile", ein Soloabend, den er mit dem Schauspieler Ingo Brosch inszeniert, Premiere. Und in der Spielzeit 2012/13 folgt eine weitere Neuinszenierung im Großen Haus.

Lars Wernecke bedankte sich für den Preis des Theaterfördervereins. Ein "starkes Team, das hinter, neben, unter und vor der Bühne stand", habe die Auszeichnung ermöglicht. Er lobte den "tollen Teamgeist" und den "besonderen Ehrgeiz" vor allem bei den Proben im Volkshaus. Und er freute sich, dass er diesen auch noch zur 13. Vorstellung seit der Premiere im April dieses Jahres spüren konnte.

Auszug aus der Main-Post vom 11.11.2011

„Cabaret“ ist die Meininger Inszenierung des Jahres
Inszenierung des Jahres im Meininger Theater war in der Spielzeit 2010/11 das Musical „Cabaret“ in der Regie von Lars Wernecke. Das gab der Verein „Meininger TheaterFreunde“ jetzt bekannt. Der Preis wird von den 650 Mitgliedern des Theaterfördervereins vergeben. Zur Wahl stehen dabei immer alle Neuproduktionen des Meininger Theaters einer Spielzeit. Unverzichtbar für die Vergabe der Auszeichnung ist dabei die Unterstützung der Rhön-Rennsteig-Sparkasse, die das Preisgeld in Höhe von 2500 Euro zur Verfügung stellt. Preisträger für die Spielzeit 2010/11 ist der in Hamburg aufgewachsene und in Berlin lebende Theaterregisseur und -autor Lars Wernecke. Seit 1995 arbeitet er als Schauspiel- und Opernregisseur an Bühnen unter anderem in Essen, Hamburg, Berlin, Zürich, Nürnberg und Potsdam. In Meiningen brachte er in der vorletzten Spielzeit „Misery“ von Stephen King in den Kammerspielen heraus. Darüber hinaus schrieb Lars Wernecke in den vergangenen Jahren zahlreiche Theaterstücke. 2006 wurden seine Schauspiele „freitot“ an der Tribüne Berlin und „Sweet Sweet Smile“ am Schlosstheater Celle, 2008 im Nikolaisaal Potsdam sein musikalisches Theaterstück „Orpheus Britannicus“ über den Komponisten Benjamin Britten erfolgreich uraufgeführt. Das Stück „Sweet Sweet Smile“ wird er in dieser Spielzeit auch am Meininger Theater herausbringen (Premiere: 28. Januar 2012).

Die Inszenierung von „Cabaret“ besticht durch eine meisterhafte Verbindung von Schauspiel, Gesang und Tanz, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung. Wer eine der Aufführungen im Volkshaus gesehen hat, wird nicht vergessen, wie sich aus einer Mischung von schrägen und freizügigen Szenen im Kit-Kat-Club und sentimental-gefühlsbetonten Liebesszenen plötzlich der Einbruch der politischen Unkultur entwickelt. Ab dann wird vieles schal und bedrohlich. Das alles wird unterstützt von erstklassigen Leistungen der Darsteller unter der musikalischen Leitung von Elisa Gogou. Die Produktion ist ab 23. Dezember wieder im Großen Haus zu sehen. Der Preis wird nach Terminabsprache dann öffentlich verliehen.

Auszug aus Deutschland today vom 22.12.2011

Förderverein des Theaters vergibt Auszeichnung - Inszenierung des Jahres
Meiningen (tk) - Der Förderverein des Meininger Theaters „Meininger TheaterFreunde e.V.“ vergibt an diesem Freitag, den 23. Dezember 2011 die Auszeichnung „Inszenierung des Jahres“ für die Spielzeit 2010/2011. Der diesjährige Preisträger ist Regisseur Lars Wernecke, der die begehrte Auszeichnung für seine Inszenierung des Musicals „Cabaret“ erhält. Dieses hatte im letzten Frühjahr das halb verfallene Meininger Volkshaus mit neuem Leben gefüllt und wird an diesem Freitag erstmals im Großen Haus des Theaters zu erleben sein.

Der begehrte Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und wird von der Rhön-Rennsteig-Sparkasse gefördert. Er soll nach der bevorstehenden Wiederaufnahmevorstellung von „Cabaret“ an Regisseur Lars Wernecke übergeben werden. Erstmalig hatten die Meininger Theaterfreunde die Auszeichnung „Inszenierung des Jahres“ in der Spielzeit 2007/2008 vergeben. Seither wählt der Förderverein jährlich die seiner Meinung nach beste Neuproduktion der laufenden Spielzeit aus. Im letzten Jahr war dies die Oper „Tannhäuser“, die von Intendant Ansgar Haag inszeniert worden war. ...

Fotos: foto-ed


 



 
Auszug aus der Kritik der Tageszeitung "Freies Wort" Meiningen vom 18. April 2011

Das Leben ist ein Cabaret


… Eine Zeitreise zum Preis eines Theatertickets offeriert der Meininger Musentempel. Musical-Premiere im Volkshaus! … Der Saal also ist voll, das Licht gedämpft, die Stimmung glänzend. Die Kapelle spielt, die Miezen tanzen. Aber - doch jetzt keine Nazis bitte! Sie waren doch grad noch so nett anzuschauen, die Rosi, die Lulu, die Texas, die Helga, das Frenchie - nun ja - auch, und natürlich Madame Sally Sexy Bowles. Da entscheidet sich der smarte Ernst zum öffentlichen Outing. Zieht den Mantel aus und zeigt die Binde am Arm. Auch die Kit-Kat-Girlies tragen plötzlich Strumpfband in den Farben der Partei. Jemand im Saal, der da nicht gleich ein bisschen tiefer rutscht in seinen Theatersessel? Es ist Freitagabend. Und es ist "Cabaret" - "Willkommen, Bienvenue, Welcome!" singt der Confèrencier. Zu einem Erfolgsmusical aus den Federn von John Kander und Fred Ebb. Ein Broadway-Stück wie andere auch. Und doch ist es gerade mit diesem so eine Sache. Wo Musical draufsteht, ist mehr als Unterhaltung drin. Das gibt's nicht oft in diesem Metier, wo illustre Stückchen desselben Schlags dem Publikum Ohrwürmer in den Kopf pflanzen, während amouröse Techtelmechtel auf der Bühne mehr oder weniger belanglos vor sich hin plätschern.

Natürlich dreht sich auch bei "Cabaret" alles um amouröse Techtelmechtel. Aber - und das ist der Unterschied - sie sind eben verwoben mit dem Berliner Leben am Vorabend der Machtergreifung. Das nimmt ihnen die Belanglosigkeit. Der Schriftsteller Clifford Bradshaw, ein Amerikaner, reist in die Hauptstadt, um Ideen zu sammeln. Dabei lernt er nicht nur den strammen Nazi Ernst Ludwig kennen, sondern auch die bezaubernde Engländerin Sally Bowles, der Star des Kit-Kat-Clubs. Ein Abenteuer ohne Happy End: Während Cliff vor den Nazis zurück nach Amerika flüchtet, bleibt Sally im Club. Und auch die zweite Liebesgeschichte endet tragisch: Fräulein Schneider, Cliffs Pensionswirtin, verliebt sich zwar in den Gemüsehändler Herr Schultz, sie wird ihn aber nicht heiraten - weil Herr Schultz Jude ist.

Es braucht also ein geschicktes Händchen. Einen Regisseur, der den Stoff leicht und dennoch ernsthaft genug in Szene setzt, dabei auch noch dem ungewöhnlichen Theaterambiente gerecht wird. Lars Wernecke nimmt die Idee des Intendanten für den Spielort auf und vertraut wie Ansgar Haag auf die Kraft der Symbole. Der Symbolik des lädierten Volkshauses - sie steht eben für die dreißiger Jahre und das drohende Unheil der Nazi-Zeit - fügt er ohne Scheu freizügige Szenen aus dem Kit-Kat-Club hinzu, die eine sexuell aufgeladene Stimmung auf der Bühne nicht behaupten, sondern erzeugen. Da wackeln nicht nur die Popos, da knallen auch die Peitschen.

Das zeitigt die Emotion, die Wernecke beabsichtigt für den großen Knall. Den Moment also, indem er das Publikum mit dem Hakenkreuz wie glühendes Metall mit Wasser erschreckt. Bei der Verlobungsfeier im Gemüseladen taucht Ernst Ludwig auf und zieht seinen Mantel aus. . . Von da an ist Schluss mit der Musical-Heiteretei. Das Unheil von draußen, dieses bedrohliche Gefühl, es sickert nicht nur nach und nach in den Kit-Kat-Club, sondern auch in den Gemüseladen, die Pension - und zwischen die Zuschauerreihen. Schwermütiges gesellt sich zur süßen Volkshaus-Melancholie. Aber sie wird nicht zerstört. Wernecke dosiert die Gefühle genau, lässt es bei Andeutungen des Bösen, lädt zum Mitfühlen für die Liebespärchen ein und manövriert seine Inszenierung damit weit weg von den Untiefen einer witzigen "Cabaret"-Show.

… Mit Benjamin Krüger hat er einen geradezu mephistophelesschen Confèrencier zur Verfügung, der sich lüstern wie eine Schlange durch das Stück windet, die Puppen dirigiert und unbeeindruckt von jedem Gefühl das doppelte Liebesdrama dem Publikum als Attraktion präsentiert. Gesang, Tanz und Bewegung - so überzeugend hat man den Schauspieler noch nie in Meiningen erlebt. Florian Beyer als Clifford Bradshaw hat es im Spiel mit Sally Bowles alias Maria Rosendorfsky gleich doppelt schwer. Nicht nur, dass die Opernsängerin eine begnadete Musical-Interpretin ist, die mit dem Ausdrucksvermögen ihrer Stimme Rosen regnen lassen oder Eisblumen ans Fenster malen könnte - sie spielt ihren Part auch souverän mit dem Impetus einer kühlen Diva. Der Höhepunkt, der Glanzpunkt des Abends: Die verführerische Kraft, mit der sie vom Balkon über der Bühne "Live is a Cabaret" singt.

... Das zweite Liebespaar betört (oder bedrückt?) mit sanftem Spiel der Gefühle. Was Rosemarie Blumenstein (Fräulein Schneider) und Matthias Herold (Herr Schultz) mit der Singstimme nicht leisten, wiegen sie durch das Spiel mehr als auf. Denn es berührt, wie sanft sich die beiden älteren Herrschaften, Vermieterin und Obsthändler, näherkommen - und doch nicht finden dürfen.

Das Musical "Cabaret" im Meininger Volkshaus überzeugt auf der ganzen Linie. Im halb verfallenen Gebäude bieten Ensemble und Musiker eine laszive wie bedrohliche Show. Die Kit-Kat-Girls - sie singen und spielen ihren lustvoll-frivolen Part so perfekt wie Harald Schröpfer den Nazi Ernst Ludwig: Kühl, glatt, aber nicht unsympathisch. Die Bühne (Helge Ullmann) passt so genau ins Volkshaus, dass man von einer nahtlosen Symbiose sprechen könnte. Und auch die Kostüme (Annette Mey) sind so perfekt den End-Zwanzigern entlehnt, dass die Zeitreise im Volkshaus einfach gelingt. Wem das tragische Ende der Liebesgeschichten nicht so sehr aufs Gemüt schlägt, der verlässt das Volkshaus mit süßer Melancholie im Herzen. Mehr konnte Theater an diesem Ort an diesem Abend nicht erreichen.

Auszug aus der Kritik der Thüringischen Landeszeitung vom 4. Oktober 2011

Standing Ovations für Musical "Cabaret" im Eisenacher Landestheater

Auf der Bühne eine brüchige Häuserfassade, Wände stürzen ein und geben den Blick frei auf Musiker und einen Conférencier, der das Publikum mit ordinären Gesten und extravagantem Auftreten auffordert, im Kit-Kat-Club die Enttäuschungen des Lebens zu vergessen. Damit sind Ort und Anlass der Handlung des Musicals "Cabaret" am Eisenacher Landestheater bereits in den ersten Minuten ausreichend dokumentiert - das Berlin der Zwanziger Jahre, gezeichnet vom verlorenen Krieg, von Kriminalität und Armut; gekennzeichnet allerdings auch von Menschen voller Lebensgier und Amüsierzwang. Bereits in den ersten Minuten offenbart sich zudem die Inszenierungs-Idee von Lars Wernecke - in der vom Meininger Theater übernommenen "Cabaret"-Variante geht es nicht nur frivol, sondern obszön zu, hier sind die Figuren schrill und überzeichnet, hier gibt es Klamauk und Trubel, hier spielt die Band mit viel Temperament und Einsatz. Das Konzept geht auf: Schon nach der ersten Nummer reagiert das Publikum mit lautem Jubel, immer wieder ertönt heftiger Zwischenapplaus.

 

Dem Reiz der schmissigen Melodien und bunten Bilder des Musicals von John Kander (Musik), Joe Masteroff (Buch) und Fred Ebb (Gesangstexte) kann sich niemand entziehen, und selbst die älteren Herrschaften, die anfangs noch ostentativ entsetzt auf die schlüpfrigen Szenen reagieren, lachen und jubeln irgendwann mit. Die Liebes-Geschichte rund um das Cabaret-Girl Sally Bowles und den amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw gerät dabei zunächst fast zur Nebensache, doch sobald sich die ersten Anzeichen der nationalsozialistischen Umtriebe andeuten, kommt auch Tiefe ins Spiel. Als der zwielichtige Ernst Ludwig (Harald Schröpfer als erschreckend kaltblütiger Nazi) mitten in der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz plötzlich das Hakenkreuz entblößt, bleibt das Lachen im Halse stecken.

Für besonderen Tiefgang sorgen Rosemarie Blumenstein und Matthias Herold als ältliches Liebespaar - wenn sich die beiden verlegen annähern, scheint im Theater die Zeit still zu stehen, und sie sorgen gar für tränenrührende Momente, als die Zimmervermieterin die geplante Hochzeit mit dem jüdischen Obsthändler wieder absagt. Aber gerade dann, als die beiden höchste Spannung aufgebaut haben, kommt schon die nächste Nummer mit Spektakel und Plakativität. Das entspricht schließlich der Kernaussage des Musicals: Die Menschen wollen nicht wahrhaben, welch Grauen sich zusammenbraut, sie flüchten sich in die Sucht nach Sex und Gin, wollen feiern statt nachdenken. Stellvertretend dafür steht Sally Bowles, von Maria Rosendorfsky selbstbewusst-mondän und gleichzeitig empfindsam-verletzlich gespielt, die Opernsängerin lässt zudem eine kraftvolle Stimme voll dunklem Timbre hören. Auch der mephistophelisch auftretende Benjamin Krüger begeistert mit seinem akzentuierten Gesang als Conférencier, die Kit-Kat-Girls sorgen ebenfalls für Wohlklang. [...] Die Musiker unter Leitung Elisa Gogous spielen mit viel Leidenschaft, Groove und Drive, lassen es bei Bedarf auch mal swingen oder schmachten. Zum Gelingen der Inszenierung trägt außerdem das einfallsreiche Bühnenbild von Helge Ullmann bei, die Kostüme von Annette Mey entsprechen dem Zeitgeist und Charakter des Stückes, die Choreografie von Simas Casinha sorgt für lüsterne Stimmung und begeisternde Bilder.

Zum Schluss Standing Ovations und kaum enden wollender Jubel - wenn die Eisenacher dieses massenkompatible Stück nicht annehmen, ist ihnen wirklich nicht zu helfen ...

Auzug aus der Kritik der Neuen Presse Coburg vom 19. April 2011

Entzückende Endzeitstimmung

"Willkommen, bienvenue, welcome!", flüstert es bereits aus allen Nischen des Volkshauses in Meiningen, bevor der geheimnisvolle Conferencier des Kit-Kat-Clubs das Publikum begrüßt, das zur außergewöhnlichen Premiere des Musicals "Cabaret" in dem Saal erschienen ist, der, neben dem Theater, fast ein Jahrhundert lang das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Stadt war.

Das Volkshaus wurde vor Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben und ist bis heute - trotz einer Bürgerinitiative zur Erhaltung des architektonischen Kleinods - nur provisorisch gegen Witterungseinflüsse versiegelt. Nun hat das Meininger Theater den Saal kurzzeitig wieder zum Leben erweckt, für Lars Werneckes Inszenierung des spätestens durch die Verfilmung mit Liza Minelli 1972 weltbekannten Musicals von John Kander (Musik), Joe Masteroff (Buch) und Fred Ebb (Gesangstexte, übersetzt von Robert Gilbert). Man hat also den Saal mit einem Musical wiederbelebt, das wie kein zweites die kulturelle Endzeitstimmung der Weimarer Republik thematisiert.


Wir befinden in einem heruntergekommenen Revuetheater im Berlin Anfang der 30er Jahre, und sehen ein von Conferencier (Benjamin Krüger, wahrhaft mephistophelisch) präsentiertes Programm, in dem die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit schnell zerfließen. Wir werden Zeugen des Lebens hinter den Kulissen. Sally Bowles (Maria Rosendorfsky), der Star des Clubs, verliebt sich in den erfolglosen amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw (Florian Beyer), Herr Schulz, der jüdische Obsthändler (Matthias Herold) verliebt sich in Fräulein Schneider, die Pensionswirtin (Rosemarie Blumenstein). Und dann taucht der mysteriöse Ernst Ludwig (Harald Schröpfer) auf, der aus Paris Geld ins Land schmuggelt und offenbar politische Ambitionen hat. Paarungen und Bindungen haben hier keine Chance. Alles andere wäre Kitsch.


Die Zeitreise des Publikums in die 30er Jahre wird natürlich durch die Ästhetik des Verfalls befördert, die im Volkshaussaal aus allen Winkeln strahlt. Das Bühnenbild von Helge Ullmann macht sich diese Atmosphäre geschickt zunutze. Der Augenblick, in dem sich die Bühne verändert und die Sicht auf das Salonorchester über dem Podium freigibt, gehört zu den ersten Überraschungen des gelungenen Abends. Ein Rädchen greift ins andere und setzt eine beachtliche Ensembleleistung in Gang, mit durchweg hervorragenden Darstellern, von denen zuerst Maria Rosendorfsky als Sängerin hervorzuheben ist, die auch bezaubernd schauspielen kann. Bedeutend bei dieser Endzeit-Revue ist die nahtlose Verknüpfung von Musik, Gesangsnummern, Tanz und Handlung mit dem, was man gemeinhin Zeitgeist nennt (zu dem gehören auch die Kostüme von Annette Mey). Die Verbindung gelingt nicht zuletzt auch durch das souveräne Spiel der Musiker unter Leitung von Elisa Gogou und der manchmal atemberaubenden Choreographie von Dimas Cashinha, mit der er die fantastischen Kit-Kat-Girls samt Conferencier und Star Sally in Bewegung setzt - eine schräge Truppe, sehr lasziv und, aufs Ende zu, sehr bedrohlich, wie düstere Vorboten einer neuen, schrecklichen Zeit.

Nach diesem Ausflug ans Ende einer Epoche verspürt man große Lust, die Zeitreise bald noch einmal zu unternehmen. "Life is a cabaret", und dazu gehört - keine Frage - auch ein wiederbelebtes Volkshaus.

 Auszug aus der Kritik der Thüringer Allgemeine vom 19. April 2011

... "Life is a cabaret", singt Sally Bowles, die Chansonniere im Berliner Kit-Kat-Nachtklub. Aber an diesem Punkt, spät im Stück "Cabaret", hat die Vergnügungsszene schon verloren gegenüber der Brutalität des Macht gewinnenden deutschen Faschismus. Die Titelzeile trägt ihre geheime Umkehrung in sich: Das Leben ist alles andere als Kabarett.

… Regisseur Lars Wernecke inszeniert den ersten Teil behutsam, aber konsequent auf den politischen Knalleffekt vor der Pause zu. Am Anfang steht die unterhaltend-animierende Show in einem halbseidenen Berliner Etablissement des Jahres 1931. Der Conférencier (Benjamin Krüger) singt mit übertreibender homoerotischer Attitüde das Entree. Fünf Showgirls von auffällig unterschiedlicher Statur, erotisch ge- bzw. entkleidet, bewegen aufreizend Beine und Hüften, ohne allzu professionell zu wirken. The one and only Sally Bowles hat ihren ersten Auftritt. Sexuell Anzügliches, Laszives, Homosexuelles und Masochistisches bestimmen die Szene.

Im Kontrast dazu erblühen zwei Liebesbeziehungen. Der amerikanische Berlin-Besucher Cliff Bradshaw, von Florian Beyer schön als "Unschuldsengel"- Kontrastfigur geboten, verliebt sich in Sally und der jüdische Obsthändler Herr Schultz in Cliffs Zimmerwirtin Fräulein Schneider. Rosemarie Blumenstein und Matthias Herold spielen deren zögernde, vorsichtige Annäherung berührend in Gestik, Sprache und Gesang.

Während der Verlobungsfete passiert der Eklat. Herr Ludwig, dem Harald Schröpfer dämonische Züge verleiht, outet sich als strammer Nazi und Judenhasser. Zu einem nazistischen "Volkslied" gruppieren sich die meisten Gäste zu einer Skulptur um ihn, die Reihe der Mitläufer fest geschlossen. Im Spot in der Bühnenmitte hebt der Conférencier die Hand zum Hitlergruß und dekonstruiert ihn mit flimmernden Fingerbewegungen.

Nach der Pause dominiert im Privaten das Politische. Frau Schneider trennt sich vom Verlobten. Sally trennt sich von Cliff. Nichts ist mehr, wie es war, auch nicht im Cabaret. Unpolitische Unschuld ist geschändet. Was bleibt ist paradoxerweise die Flucht ins Unpolitische. Das Goodbye des Conférenciers weitet sich zum Abschied vom libertären Berlin der "Goldenen Zwanziger", wenn nicht gar zum Abschied vom Leben.

Die Leistungen aller singenden Schauspieler verdienen uneingeschränkten Applaus. Benjamin Krüger hat als Showmaster eine immense Präsens auf der Bühne. ... Maria Rosendorfsky als Sally ist schlichtweg umwerfend. Man kennt sie als Operndiva mit geläufiger Soprangurgel. Hier aber singt sie mit tiefem Barsängerinnentimbre und einer Kraft und Intensität, die sich ohne Abstriche an Liza Minelli messen kann. Hoch über der Bühne sitzt die "Band" aus sechs Bläsern, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Elisa Gogou, die das musikalische Geschehen vom Klavier aus leitet und begleitet, hat die Musiker auf einen Sound getrimmt, der an Kurt Weill erinnert, dem Anreger des Musical- Komponisten John Kander. Exakt, lupenrein und gekonnt kommen die stilistischen Varianten zur Geltung, von der Chansonbegleitung über die musikalische Charakterisierung bis zum swingseligen Foxtrott.

Im verwahrlosten Saal des Volkshauses, dessen Zustand das geschickte Bühnenbild von Helge Ullmann aufgreift, findet diese sehenswerte Produktion ihren eigenartig angemessenen Spielort. Das Publikum spendete schier endlose Ovationen.